Erfahrungen für junge Unternehmensgründer von Dr. Johannes Schmidt-Tophoff


Dr. Johannes Schmidt-Tophoff, ehemaliger Doktorand am Lehrstuhl für Organisation der Universität Mannheim, gründete im Jahr 1999 die Curagita AG, einen erfolgreichen Medizintechnik–Anbieter mit heute über 100 Mitarbeitern. Im Interview mit Startup BW gibt er Tipps für eine erfolgreiche Unternehmensgründung. Von der Politik wünscht er sich verbesserte Rahmenbedingungen für Gründer.

Die Curagita AG mit Sitz in Heidelberg wurde als Dienstleister für Radiologen gegründet. Heute kauft die Gesellschaft auch selber größere Praxen und betreibt diese gemeinsam mit Radiologen über die Deutsche Radiologienetz AG. Mit dem angebotenen Leistungsspektrum und Outsourcing hat das Unternehmen eine Konzentrationsbewegung in der radiologischen Patientenversorgung eingeleitet, die mehr und mehr Nachahmer findet. Der Erfolg des Unternehmens zog letztes Jahr den Kauf von 30 % der Unternehmensanteile durch die Medizinsparte der Siemens AG nach sich.

Dr. Johannes Schmidt-Tophoff hat Betriebswirtschaft, Wirtschaftsinformatik und Chemische Technologie studiert. Seine Promotion verfasste er am Lehrstuhl für Organisation der Universität Mannheim unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h.c. Kieser zum Projektmanagement bei der Privatisierung der ostdeutschen Großchemie. Beruflich betätigte er sich zunächst als Unternehmensberater für verschiedene Unternehmen der Chemieindustrie, danach als Führungskraft beim US-Konzern General Electric in der Sparte Medical Systems in Paris. In dieser Zeit sammelte er wichtige Erfahrungen für die spätere Gründung, sowohl in Bezug auf die technische als auch in Bezug auf die wirtschaftliche Umsetzbarkeit von Geschäftsideen. 

Im Interview mit Startup BW gibt er wichtige Einblicke und Tipps aus seiner Erfahrung als erfolgreicher Gründer.

Wie hat Ihr Weg mit Ihrem Unternehmen ausgesehen? Wo haben Sie begonnen und wo sind Sie heute angekommen?

Ich habe die Curagita 1999 nah meiner Promotion gegründet. Bis zur Verleihung des Landespreises „Top-10-Jungunternehmen“ im Jahr 2006 machte das Unternehmen mit inzwischen 36 Mitarbeitern einen profitablen, selbstfinanzierten Umsatz von 12 Mio. Euro. Heute, im 20. Jubiläumsjahr, haben wir diese Werte vervielfacht. Siemens hat letztes Jahr 30 Prozent übernommen und finanziert unser Wachstum. Waren wir früher einfache Dienstleister für Radiologen, kaufen und betreiben wir heute gemeinsam mit Radiologen Radiologiepraxen über die Deutsche Radiologienetz AG, an der wir zu 49 % beteiligt sind. Deren 300 Mitarbeiter (inkl. 62 Ärzte) unterhalten 23 Standorte und generieren einen (zusätzlichen) Umsatz von über 35 Mio. Euro. Diese Buy & Build Strategie in der sich konsolidierenden deutschen Radiologiebranche wird weiter an Bedeutung gewinnen. Denn nur große Verbünde können den Honorardruck der Kassen überleben. Trotz "Industrialisierung" hängt in unserem Geschäftsfeld alles vom leistungserbringenden Arzt ab; und den unterstützt unser Versorgungsmodell. Denn der Arzt muss weniger managen und nicht haften und kann seine Kernkompetenz in immer höherer Qualität und Quantität einbringen, ohne die Steuerung, Kontrolle und Wertsteigerung abzugeben. Damals wie heute arbeiten wir getreu unserem Motto "cura et agita" (Arzt und Manager) eng mit unseren Ärzten, ja fast "genossenschaftlich" zusammen.

Welche (staatliche) Unterstützung haben Sie erfahren? Welche war für Sie ausschlaggebend?

Wir haben keine staatliche Unterstützung erhalten, außer vielleicht einer Beteiligung der L-Bank zu üblichen Marktkonditionen und einem EU-Teleradiologie-Projekt. Die wichtigste Unterstützung kam von Familie und Freunden, von Business Angels, vor allem jedoch von meinen Kundenpartnern und jüngst von Siemens (Project Venture) mit deren Wachstumsfinanzierung. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass mir der Landespreis schon ein wenig dabei geholfen hat, die vielen Ungläubigen, die mich als Gründer begleiteten, zu überzeugen.

Was hätten Sie sich gewünscht?

Als (Allein-) Gründer hätte ich drei Wünsche gehabt:

1. Ich wünsche mir weniger staatliche Förderung, weil diese von ahnungslosen Politikern ineffizient verteilt erfolgt. Im Gegenteil, ich wünsche mir eine Entbürokratisierung und Deregulierung der Rahmenbedingungen für Gründer: Dazu zählen situationsgerechtere Steuern, barrierefreie Mitbestimmung, niedrigere IHK-Gebühren, schnellere Handelsregister, einfachere Verwaltungs- bzw. Baugenehmigungs-Prozeduren oder auch ein gründerfreundliches Insolvenz-, Erb- und Scheidungsrecht, um Zwangsverkäufe zu verhindern. Und vor allem wünsche ich mir die Entstaatlichung meiner Branche, dem Gesundheitswesen.

2. Wenn der Staat unterstützt, dann sollte dies nicht nur für rein technisch-orientierte Unternehmen, insbesondere Großunternehmen gelten, sondern für alle. Der subventionierte Technologiepark Heidelberg war zu meiner Zeit angesiedelt mit BASF, ABB und anderen. Ich konnte mir die hohen Mieten gar nicht leisten.

3. Ich wünsche mir, dass Banken Gründungsfinanzierung lernen und das Feld nicht Eigenkapitalgebern überlassen, die allzu schnell das Steuer übernehmen. Getrieben von Basel 3 etc. denken Banken immer nur ans Besichern und würden am liebsten den Wachstumskredit aufs Festgeldkonto, aber natürlich Zinsen fürs Risiko und Negativzinsen für die Geldanlage kassieren. Apple, Google oder Amazon wären von deutschen Banken nie finanziert worden. Einer meiner Wünsche wurde schon erfüllt: An vielen Unis wird Gründung gelehrt und überall wird mittlerweile eine Kultur der selbstbestimmten Risikoaufnahme gefördert. Dabei hilft auch die Höhle der Löwen.

Welche Tipps haben Sie für junge Gründer?

Ich habe vier Empfehlungen:

1. Fokussiere Dich auf Deine Kunden: Meine Firma wurde eng mit den Kunden (eher "Mitglieder" und "Partner") aufgebaut. Und als Seriengründer – erst bei Dienstleistungen, dann im Pharmabereich, schließlich mit dem Betreibermodell – haben wir immer nach der Maxime gehandelt: Bedarf erkennen, Lösungen umsetzen und Kunden als Partner beteiligen. Bei Innovation bringt es mehr, auf die Kunden zu hören, als auf Wettbewerber zu schielen, so bleibt man vorne.

2. Ziehe Leute ran, die das können, was Du weniger gut kannst. Fördere und beteilige sie als Mitunternehmer und schaffe eine Werte-Kultur, die ehrlich ist und aus Fehlern lernen kann. Dazu gehört auch, dass der zunächst alleinbestimmende und erfolgsverwöhnte Gründer auf dem Boden bleibt, teilen kann und seine Nachfolge frühzeitig vorbereitet.

3. Verliebe Dich nicht in eigene Ideen, gerade als am Anfang alleinherrschender Gründer. Bleibe trotz deiner Vision realistisch. Rechne und teste, messe dich wie andere. Vertraue nur dem, was du kannst. Höre nicht auf unbeteiligte Dritte, aber auf geschäftsnahe Ratgeber und Kunden.

4. Misstraue Finanzierungsinstitutionen und deren Kleingedrucktem bei Beteiligungs- und Kreditverträgen.

Wie schätzen Sie die derzeitige Situation beim Thema Gründungen ein?

Gründung ist überall – seien es Unternehmens- oder Uni-Spin-offs, Outsourcings, Projektarbeiten oder Nachfolgen. Die Übernahme von Verantwortung gegen Unternehmerlohn wird sich in der zukünftigen Arbeitswelt weiter durchsetzen und ausdifferenzieren, z.B. in Teilzeit- oder Interimszeit-Engagements, wenngleich ich als Vertreter der Generation X meine, dass nachhaltig wertschöpfende Unternehmen nur entstehen, wenn der Gründer alles einbringt, auch seine Gesundheit und seine Familienzeit. Ich glaube, dass die beste Förderung der Unternehmensgründung die Entbürokratisierung und Deregulierung ist, weil Gründer immer ihre Förderer und Abnehmer finden werden, wenn sie Freiraum bekommen.


19.08.20

 

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