Die US-Inflation erreicht im Mai 2022 mit 8,6 % ein neues 40-Jahres-Hoch - Was das für die Europäische Zentralbank und die mittelständische Wirtschaft bedeutet


In Amerika sind die Kosten für Benzin, Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs, wie Mieten oder Urlaubsreisen im Mai ein weiteres mal in die Höhe geschossen, was die Inflation auf ein neues Vier-Jahrzehnt-Hoch steigen ließ. Die amerikanischen Haushalte leiden extrem unter den steigenden Kosten.

Die Verbraucherpreise stiegen im vergangenen Monat um 8,6 % gegenüber 12 Monaten zuvor, schneller als der Anstieg von 8,3 % im April im Jahresvergleich, teilte das US-Arbeitsministerium am Freitag Vormittag mit. Auch für das Gesamtjahr 2022 rechnen die amerikanischen Ökonomen jetzt mit einer Infaltionsrate von über 8%.

Die hohe Inflation hat die US-Notenbank auch zu der wahrscheinlich schnellsten Reihe von Zinserhöhungen seit drei Jahrzehnten gezwungen. Bereits vor Monaten hat sie begonnen, mit verschiedenen geldpolitischen Maßnahmen zu reagieren. Durch die aggressive Erhöhung der Kreditkosten hofft die Fed, die Ausgaben und das Wachstum ausreichend abzukühlen, um die Inflation einzudämmen, ohne die Wirtschaft in eine Rezession zu stürzen. Für die Notenbank wird es ein schwieriger Balanceakt, aber die Verantwortlichen lassen keinen Zweifel, dass ihnen die Rückkehr zu einer moderaten Inflation extrem wichtig ist und daher konsequent verfolgt wird.

Die Europäische Zentralbank – allen voran Frau Lagarde - hat sich dagegen erst vor wenigen Tagen dazu entschlossen, das Thema der Inflation mit einem ersten kleinen Zinsschritt anzugehen. Das wird nicht reichen. Denn es sind nicht nur die Energiekosten die steigen, sondern auch in Deutschland und Europa steigen die Preise auf breiter Front. Faktoren, die in Deutschland zu einer weiterhin viel zu hohen Inflationsrate beitragen werden – verglichen mit dem Inflationszeil von 2% - sind u.a. weitere Verteuerung von Rohstoffen, die zu erwartenden Lohn- und Gehaltssteigerungen (VERDI geht in die Verhandlungen mit der verständlichen Forderung nach einem Inflationsausgleich), die Erhöhung des Mindestlohns im Oktober 2022 um 20%, welche auch in den unteren Lohn- und Gehaltsgruppen für zusätzliche Steigerungen sorgen dürfte, der Fachkräftemangel, weiterhin hohe Logistikkosten, Kursverluste des Euro gegenüber dem Dollar (Stichwort: importierte Inflation), weltweit schlecht funktioinierende Lieferketten unter anderem als Folge der Coronakrise und des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine.

Vor diesem Hintergrund muss sich Deutschland und Europa wohl auf mehrere unangenehme Jahre mit einer deutlich erhöhten Inflationsrate und deutlich steigenden Kreditzinsen einstellen. Für die mittelständischen Unternehmen ist diese Situation eine große Herausforderung. Sie stehen vor der Frage, ob und inwieweit sie die gestiegenen und weiter steigenden Kosten in ihrer Preisgestaltung gegenüber ihren Kunden durchsetzen können. Das wird dem einen Unternehmen besser gelingen als dem anderen. Es wird darauf ankommen, wie groß die Verhandlungsmacht der Unternehmen gegenüber ihren Kunden ist. Weitere Handlungsoptionen für die Mittelständler sind Produktivitätssteigerungsmaßnahmen, die dabei helfen die gestiegenen Kosten zu kompensieren oder auch Kostensenkungsprogramme, die darauf abzielen, die Kostenbasis des Unternehmens, verglichen mit dem Wettbewerb, nachhaltig zu verbessern. Das steigende Zinsniveau wird dazu führen, dass sich die mittelständischen Unternehmen intensiv Gedanken über ihre geplanten Investitionen machen müssen. Die Niedrigzinsphase ist auf jeden Fall erst einmal vorbei.

 


10.06.22

 

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