Die Bedeutung der ethnischen Ökonomie in Deutschland. Push- und Pullfaktoren für Unternehmensgründungen ausländischstämmiger Mitbürger


Zur wachsenden Zahl beruflich Selbständiger haben insbesondere die Migranten in Deutschland beigetragen. Über den Umfang, die Ressourcen, die Motivlagen und Probleme ausländischstämmiger Unternehmer war bisher kaum etwas bekannt. Ziel des vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Projekts war daher zum einen die Bestimmung der Wirtschaftskraft und des Potenzials der „Ethnischen Ökonomie“ in Deutschland.

Zum anderen sollten die Push- und Pullfaktoren der Gründungsaktivitäten von ausländischstämmigen Bürgern identifiziert werden. Während sich die Zwänge v. a. aus den Problemen am Arbeitsmarkt ergeben, kamen als „Anreizstifter“ vor allem kognitive, kulturelle und materielle Faktoren in Betracht. So war genauso von Interesse, inwieweit das unternehmerische Handeln bestimmter ethnischer Gruppen im Kontext persönlicher bzw. kultureller Charakteristika oder aber eher bestimmter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen zu sehen ist.

Der Untersuchungsschwerpunkt lag bei Migranten griechischer, italienischer und türkischer Herkunft. Die benötigten Indikatoren mussten aus mehreren Quellen zusammengetragen werden. So wurde zum einen auf amtliche Statistiken (u. a. Mikrozensus, Gewerbeanzeigenstatistik) zurückgegriffen. Zum anderen wurde ergänzend eine eigene Primärerhebung unter türkischen, italienischen und griechischen (sowie aus Vergleichsgründen auch unter deutschen) Selbständigen durchgeführt. Derzeit sind in Deutschland weit über 300.000 ausländische Selbständige tätig, wovon ziemlich genau die Hälfte aus einem der EU-15-Länder stammt. Einschließlich der Eingebürgerten stellen die Selbständigen türkischer Herkunft die größte Gruppe. Die Gründungsbereitschaft unter Türken ist enorm. Seit 1990 hat sich hier die Zahl Selbständiger verdoppelt, während die von Italienern und Griechen etwas moderater angewachsen ist. Insgesamt wird die Entwicklung bei allen Gruppen von hohen Fluktuationen durch Marktein- und -austritte begleitet. Zudem übernehmen Migranten weit häufiger als Deutsche bereits bestehende Betriebe – zumeist von Landsleuten. Dies ist allerdings auch ein Effekt des hohen Anteils an Handels- und Gaststättenbetrieben. Im Gegensatz zu Italienern und Griechen decken türkischstämmige Unternehmer ein breiteres Spektrum an Branchen ab, was zum Teil auch damit zusammenhängt, dass Türken mit einem größeren co-ethnischen Nachfragepotenzial rechnen können.

Die Studie verdeutlicht, dass selbständige Migranten einen stattlichen Beschäftigungsbeitrag erbringen. Je nachdem wie die Beschäftigungsintensität der übrigen (nicht detailliert untersuchten) Gruppen einzuschätzen ist, dürften Migrantenunternehmer insgesamt zwischen 1 bis 1,4 Mio. Arbeitsplätze stellen. Erwartungsgemäß ist der Anteil an beschäftigten Familienmitgliedern höher als bei deutschen Selbständigen. Demgegenüber weisen die Ausbildungsleistungen ein starkes Defizit auf, was zum Teil auf die unzureichenden formalen Voraussetzungen zur Ausbildung Jugendlicher zurückzuführen ist. Werden die Selbständigen direkt nach den Motiven für die Gründung ihres Unternehmens befragt, überwiegen eindeutig die sog. Pull-Faktoren.

Für die meisten Gründer spielen jedoch mehrere Motive gleichzeitig eine Rolle. So schimmern auch insbesondere bei den Gründern türkischer Herkunft die Arbeitsmarktfaktoren durch: Fast jeder Fünfte türkische Selbständige gründete aus der Nichterwerbstätigkeit heraus und fast jeder Sechste wegen drohender Arbeitslosigkeit. Daneben spielt aber genauso der Wunsch nach sozialem Aufstieg und insbesondere die Verbesserung der  Einkommenssituation eine große Rolle. Bei allen Migrantengruppen erweist sich Bildung und Wissen als zentrale Determinante, denn multivariate Analyse belegen, dass insbesondere ein Hochschulabschluss die Gründungswahrscheinlichkeit stark erhöht. Für den Einfluss sog. „orthodoxer Ethnizität“ – d. h. dafür, dass sich die in den Herkunftsländern geprägten Verhaltensmuster und kulturellen Eigenheiten im unternehmerischen Verhalten hierzulande niederschlagen – konnten kaum Anhaltspunkte gefunden werden. Besonders problematisch ist die mangelnde Humankapitalausstattung der Migrantenunternehmer, und dies nicht nur mit Blick auf formale Bildung. Ein überaus starker Teil startet ohne jegliche und ein weiterer ohne ausreichende Branchenerfahrung. Dies ist insbesondere bei Türken der Fall. Darüber hinaus zeigt die Untersuchung, dass viele der von Migranten ins Leben gerufenen Unternehmensgründungen schlecht vorbereitet sind. Beratung und Planung besitzen nicht die erforderliche Relevanz. Weitere Ergebnisse sowie die Handlungsempfehlungen können mit der Kurzfassung der Studie auf der ifmhomepage heruntergeladen werden. Aufgrund der großen Nachfrage und des starken Interesses an den Untersuchungsergebnissenwird eine teils aktualisierte Fassung als Buch erscheinen.

Projektleiter: Dr. René Leicht
Projektmitarbeiter: Dr. Andreas Humpert, Markus Leiß, Michael Zimmer-Müller
Auftraggeber: Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA)
Laufzeit: Oktober 2003 bis April 2005

Veröffentlichungen

Leicht, René, Leiss, Markus; Fehrenbach, Silke (2005): Social and Economic Characteristics of Self-employed Italians in Germany, Studi Emigrazione / International Journal of Migration Studies, pp 285-308

ifm Mannheim (2005): Die Bedeutung der ethnischen Ökonomie in Deutschland. Push- und Pullfaktoren für Unternehmensgründungen ausländischer und ausländischstämmiger Mitbürger, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit, Kurzfassung unter www.institut-fuer-mittelstandsforschu...

Leicht, René; Leiß, Markus: Selbständigkeit – Eine Alternative für Migranten, in: Lentz, S., Heinritz, G. und Tschaschel, S (Hg.), Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland, Band 12: Leben in Deutschland, S.60-69
Leicht, René (2006): Strukturelle Integration und berufliche Selbständigkeit, clavis Nr. 02/2006, S. 47

Vorträge

Leicht, René: Die Bedeutung der ethnischen Ökonomie in Deutschland, Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit; Pressekonferenz am 20.04.2005

Leicht, René: Migrantenunternehmen: Potenziale, Chancen, Probleme und Handlungsbedarf, Seminar des Deutschen Instituts für Urbanistik: „Migrantenunternehmen und lokale wirtschaftliche Entwicklung“ Berlin, 30.11.2005




 

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Die Bedeutung der ethnischen Ökonomie in Deutschland (19.03.05)
René Leicht, Andreas Humpert, Markus Leiss, Michael Zimmer-Müller, Maria Lauxen-Ulbrich (2005):
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