Existenzgründungen und berufliche Selbständigkeit unter Aussiedlern (Russlanddeutsche)


Im Auftrag des Bundesministeriums des Inneren bzw. des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge hat das ifm untersucht, in welchem Umfang sich Spätaussiedler – und dabei speziell Russlanddeutsche – in Deutschland beruflich selbständig machen und welche wirtschaftliche Bedeutung ihre Unternehmen haben.

Für die Politik und die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Forschung bilden Aussiedler schon seit langem eine besondere Gruppe unter den Migranten. Da die amtliche Statistik lange Zeit Migranten nur nach der Staatsangehörigkeit, d. h. nur Ausländer identifizierte, ist wenig über die wirtschaftliche und soziale Situation von Aussiedlern bekannt, insbesondere, wenn sie schon längere Zeit in Deutschland verweilen. Wenngleich die Einbürgerung eine gute Voraussetzung für die Integration darstellt, hat sich gezeigt, dass diese eine ökonomische Marginalisierung oder soziale Segregation nicht ausschließt. Vor diesem Hintergrund interessierte, welche Position Aussiedler im Erwerbssystem einnehmen, welche beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten sich bieten, insbesondere jedoch, ob und unter welchen Bedingungen die Gründung eines eigenen Unternehmens für diese Gruppe in Frage kommt.

Im Auftrag des Bundesministeriums des Inneren bzw. des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge hat das ifm untersucht, in welchem Umfang sich Spätaussiedler – und dabei speziell Russlanddeutsche – in Deutschland beruflich selbständig machen und welche wirtschaftliche Bedeutung ihre Unternehmen haben. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf die sozialen Merkmale und Ressourcen gelegt, denn schließlich verfügen die meisten der aus den postsowjetischen Gebieten kommenden Zuwanderer kaum über Selbständigkeitserfahrung und -tradition. Zusätzlich wurden daher die Bestimmungsfaktoren und Motive für die Unternehmensgründungen sowie die Problemlagen identifiziert. Dazu gehört bspw. auch die Frage, inwieweit die schwache Positionierung am Arbeitsmarkt dazu führt, alternative Wege der Existenzsicherung zu suchen. Da unternehmerisches Engagement häufig aber auch als ein Zeichen fortgeschrittener Integration gewertet wird, soll die Studie gleichzeitig einen substantiellen Beitrag zu einem differenzierteren und komplexeren Verständnis des wirtschaftlichen und sozialen Lebens von Aussiedlern leisten. Hierfür wurden sowohl Sekundärdaten (SOEP) als auch Daten einer eigenen Erhebung verwendet.

Die Untersuchung ist Teil eines vom ifm seit geraumer Zeit verfolgten Forschungsprogramms, das sich eingehender mit der „ethnischen Ökonomie“ in Deutschland befasst. Die Befunde zeigen, dass die Russlanddeutschen vergleichsweise wenig unternehmerische Ambitionen und Potenziale besitzen und dies vor allem auf den Mangel an selbständigkeitsrelevanten Ressourcen zurückzuführen ist. Dies berührt allerdings nicht nur die aus den postsozialistischen Staaten „mitgebrachten“ Kapitalien, so etwa die geringe Selbständigkeits- und Führungserfahrung, sondern auch die mangelnde Verwertbarkeit an Qualifikationen. Ihre erlernten Berufe eignen sich kaum, um die Not am Arbeitsmarkt durch Flucht in die Selbständigkeit zu kompensieren. Zum einen können sie sich nicht (wie etwa Griechen und Italiener) auf anerkannte Kompetenzen im Gastgewerbe berufen. Und zum anderen sind in einer wachsenden Dienstleistungsökonomie bei der Gründung eines Unternehmens vorrangig professionelle und moderne Berufe gefragt. Diese Bedingungen erfüllen Russlanddeutsche selten. Ihre Kompetenzen liegen jedoch immerhin stark im kurativen und kulturellen Bereich, weshalb unter ihnen – wenn sie denn selbständig werden – Ärzte, Therapeuten, Dolmetscher und Tanzlehrer überwiegen. Obwohl Aussiedler als Deutsche gegenüber manch anderen Migrantengruppen das Privileg genießen, institutionelle Hürden beim Weg in die Selbständigkeit leichter zu überwinden, sind sie erstaunlich selten in handwerklichen Bereichen aktiv. Unter allen Motiven für die Gründung eines Unternehmens wiegt bei Russlanddeutschen die Aussicht auf eine Einkommensverbesserung am stärksten, was verständlich erscheint, da die Neubürger häufig ausbildungsinadäquat beschäftigt sind. Weit vorne stehen aber auch Push- Motive, darunter vor allem die erfahrene und drohende Arbeitslosigkeit.

Das Profil und die Leistungspotenziale der Betriebe von Russlanddeutschen unterscheiden sich in mancherlei Hinsicht stark von denen anderer Migrantengruppen. Sie sind hinsichtlich der Beschäftigungs- und Umsatzgröße durchschnittlich kleiner, was nicht zuletzt mit ihrem Branchenprofil korrespondiert. Vor allem aber fügen sich ihre Charakteristika nicht nahtlos in die Theorie ethnischer Ökonomie. Obwohl auch unter Aussiedlern der Familienzusammenhalt eine große Rolle spielt, ist das Maß innerethnischer Solidarität eher bescheiden. Landsleute werden in geringerem Umfang als bei Türken, Italienern oder Griechen beschäftigt. Soziale Netzwerke haben nicht die erwartete Bedeutung. Allerdings liegt der Anteil co-ethnischer Kunden höher. Insgesamt zeigt sich, dass der Schritt in die Selbständigkeit von Russlanddeutschen kaum als Chance zur Lösung von Arbeitsmarktproblemen begriffen wird, obwohl ein Vergleich von Selbständigen und anderen Erwerbsgruppen verdeutlicht, dass den unternehmerisch Aktiven eine strukturelle Integration weit besser gelingt. Voraussetzung ist allerdings eine adäquate Qualifikation. Handlungsansätze zur Erhöhung des Gründungspotenzials müssen daher zuvorderst bei der beruflichen Nachqualifizierung und Neuorientierung ansetzen. Demgegenüber ist die Informations- und Beratungsresistenz bei Aussiedlern geringer als bei den sog. „Gastarbeitern“, was für eine relative Aufgeschlossenheit gegenüber Veränderungen spricht.

Projektleitung: Dr. René Leicht
Mitarbeiter: Dr. Andreas Humpert, Markus Leiß, Michael Zimmer-Müller; Hermes, Kerstin
Auftraggeber: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
Laufzeit: Dezember 2004 bis Juni 2005

Veröffentlichung

Leicht, René; Andreas Humpert; Markus Leiss; Michael Zimmer-Müller; Maria Lauxen-Ulbrich: Existenzgründungen und berufliche Selbständigkeit unter Aussiedlern (Russlanddeutsche). Studie im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, 2006

Vorträge

Leicht, René: Migrantenunternehmen: Potenziale, Chancen, Probleme und Handlungsbedarf, Vortrag im Seminar des Deutschen Instituts für Urbanistik: Migrantenunternehmen und lokale wirtschaftliche Entwicklung Berlin, 30.11.2005

Leicht, René: Existenzgründungen und berufliche Selbständigkeit unter Aussiedlern, Vortrag im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg 01.02.2006

Leicht, René: Russlanddeutsche Unternehmer in Deutschland: Tätigkeitsfelder und gesamtwirtschaftliche Relevanz, Fachtagung Integration zugewanderter AkademikerInnen aus der GUS, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Reutlingen, 03.07.2006
 

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Dr. René Leicht
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