Bedeutung der ausländischen Selbständigen für den Arbeitsmarkt und den sektoralen Strukturwandel


Die Studie befasst sich mit der ökonomischen Bedeutung ausländischstämmiger Unternehmer in Deutschland, wobei zum einen insbesondere ihr Beitrag für den Arbeitsmarkt und die Beschäftigung und zum anderen ihr Einfluss und ihre Position im sektoralen Strukturwandel interessierte. Somit rückte nicht nur die quantitative Dimension von Migrantenselbständigkeit sondern auch die eher qualitative Frage nach dem wirtschaftlichen Ertrag in den Mittelpunkt.

Während sich eine vorausgehende Studie des ifm (im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums) auf die Gründungspotenziale unter ausgewählten Nationalitätengruppen konzentrierte, stand nunmehr die Leistung des gesamten Spektrums ausländischer Unternehmer – und letztlich auch die Integrationswirkung - im Fokus. Dabei wurde auch der Versuch unternommen, mehr Licht in das dunkle Feld jener Faktoren zu bringen, die ethnisches bzw. ausländisches Unternehmertum bestimmen. Ein zusätzlicher Schwerpunkt in der Untersuchung bildeten die Implikationen des neuen Zuwanderungsgesetzes. Und hierbei richtete sich das Interesse auf die Frage, inwieweit die Veränderungen im Aufenthaltsrecht Anreize für die Anwerbung „neuer Selbständiger“ mit kreativem wirtschaftlichen Potenzial schaffen können.

Die wesentlich auf Ergebnissen des Mikrozensus und einer eigenen Erhebung beruhende Untersuchung zeigt, dass die Zahl ausländischer Selbständiger in den letzten Jahren stark und weit überproportional zur Entwicklung der ausländischen Bevölkerung angestiegen ist. Der Zuwachs beruht in jüngerer Zeit weniger auf Gründungen von EU-Bürgern sondern mehrheitlich auf den wachsenden unternehmerischen Aktivitäten von (einstigen) Drittstaatsangehörigen, v.a. aus Osteuropa und Asien, wobei der Selbständigenbestand noch immer zur Hälfte aus ehemaligen Gastarbeitern und ihren Nachfahren besteht. Insbesondere Italiener und Türken stellen ein großes Kontingent. Insgesamt wird die Entwicklung von Migrantenselbständigkeit nicht nur durch die Struktur langjähriger Zuwanderung und Arbeitsmigration nach Deutschland sondern darüber hinaus auch durch sehr gruppenspezifische Neigungen und Fähigkeiten zur Gründung und erfolgreichen Führung eines Unternehmens bestimmt. Da Humankapital und Wissen entscheidende Ressourcen bilden, bleiben die Angehörigen der ehemaligen Anwerbeländer auf Branchen mit niedrigen Zugangshürden verwiesen, was teils ihre starke Präsenz im Gastgewerbe und Handel erklärt. Demgegenüber gelingt es jüngeren Zuwandererkohorten aus anderen Ländern eher, auch in Wirtschaftszweige mit anspruchsvolleren Tätigkeiten vorzudringen, da sie einen höheren Anteil Hochqualifizierter aufweisen. Allerdings wird das Niveau ausländischer Selbständigkeit insgesamt noch stark durch die schlechte Ressourcenausstattung der „Gastarbeitergruppen“ aus erster (und teils zweiter) Generation bestimmt, da sich viele Migranten erst nach längerem Aufenthalt selbständig machen (können).

In der Reihe gründungsrelevanter Triebkräfte spielen sog. „kulturelle Faktoren“ eine geringere Rolle als vielfach suggeriert. Demgegenüber bewegen arbeitsmarktbezogene Faktoren häufig zur Flucht in die Selbständigkeit: So starten Migranten - je nach Herkunftsgebiet - mit 1,5 bis 3fach höherer Wahrscheinlichkeit als Deutsche ihr Unternehmen aus der Position der Arbeitslosigkeit. Nicht absolut, aber relativ betrachtet sind es die arbeitslosen Akademiker, die sich in stärkerem Maße als die Geringqualifizierten um eine alternative Beschäftigungsmöglichkeit bemühen, da sie ein größeres Interesse daran haben, ihre mühsam erworbene Qualifikation zu verwerten. Selbständige Migranten schaffen aber nicht nur einen Arbeitsplatz für sich selbst, sondern in rund der Hälfte der Fälle auch für andere, was die schwierige Situation am Arbeitsmarkt wenigstens ansatzweise entschärft. Zwar weisen die von Ausländern geführten Betriebe durchschnittlich weniger Beschäftigte als die der „einheimischen“ Arbeitgeber auf, doch beläuft sich die Zahl der Arbeitsplätze (einschließlich der Betriebsinhaber) auf insgesamt rund 1,1 Millionen.

Fast alle Schritte und Facetten der Untersuchung belegen, dass die institutionellen Rahmenbedingungen, und hierbei zum einen die Möglichkeiten der Niederlassung in Deutschland und zum anderen das Recht der Ausübung bestimmter Berufe, den Umfang und das Niveau von Migrantenselbständigkeit in hohem Maße diktieren. Die Gründung eines Unternehmens in Deutschland war uns ist nicht allen Migranten möglich, insbesondere wenn es sich um Drittstaatsangehörige und nicht um EU-Bürger handelt und der/die Gründungswillige über keine Aufenthaltsberechtigung verfügt. Nun aber wird mit §21 des neuen Zuwanderungsgesetzes der Aufenthalt zur Ausübung einer selbständigen Tätigkeit ermöglicht, wenn ein „übergeordnetes wirtschaftliches Interesse“ vorliegt. Dies ist in der Regel dann der Fall, „wenn mindestens eine Million Euro investiert und zehn Arbeitsplätze geschaffen werden“. Solche materiell ausgerichteten Hürden dürften sich als bremsend erweisen, wenn es darauf ankommt, mehr wissensintensive Dienstleister nach Deutschland zu locken. Zur Einschätzung der aus den neuen Regeln resultierenden Wirkungen wurde ermittelt, in welchem Umfang es Migranten zuvor gelungen ist, direkt nach der Zuwanderung ein Unternehmen zu etablieren und welche Implikationen dies im Hinblick auf das Leistungspotenzial der Selbständigen hatte. Es dürfte nicht überraschen, dass ein beachtlicher Teil der „ad hoc-Selbständigen“ bisher die Privilegien der EU-Zugehörigkeit besaß. Wichtig erscheint, dass von denjenigen, die bereits mit der Absicht nach Deutschland kamen, um hierzulande eine unternehmerische Existenz aufzubauen, und dieses Ziel dann auch unmittelbar nach der Zuwanderung verwirklichten, ein wesentlich stärkerer Impuls zur wirtschaftlichen Erneuerung ausging als dies beim alteingesessenen Unternehmensbestand zu beobachten ist. Dies macht sich vor allem an der Orientierung auf moderne und wissensbasierte Dienstleistungen fest. Daher spricht vieles dafür, diesen Typus von unternehmerisch ambitionierten Zuwanderern durch entsprechende Angebote für die heimische Wirtschaft zu gewinnen. Und diese Chance sollte verstärkt auch Drittstaatsangehörigen zugute kommen.

Projektleitung: Dr. René Leicht
Projektmitarbeiter: Markus Leiß, Kerstin Hermes
Auftraggeber: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
Laufzeit: Oktober 2005 bis September 2006

Veröffentlichungen

Leicht, René und Markus Leiß (2006): Selbständigkeit – Eine Alternative für Migranten, in: Lentz, S., Heinritz, G. und Tschaschel, S (Hg.), Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland, Band 12: Leben in Deutschland, Leibnitz-Institut für Länderkunde, Elsevier, S. 68-69.

Leicht, René (2006): Strukturelle Integration und berufliche Selbständigkeit, clavis Nr. 02/2006, S.4-7.

Leicht, René / Leiß, Markus (2007): Planen türkischstämmige Gründer und Unternehmer anders? Zum Einfluss von „Kultur“ und individuellen Ressourcen, in: Meyer, J.-A. (Hrsg.), Planung in kleinen und mittleren Unternehmen - Jahrbuch der KMU-Forschung und -Praxis 2007, Lohmar (im Druck).

Leicht, René / Leiß, Markus / Hermes, Kerstin: Ethnische Ökonomie in Deutschland. Selbständige Migranten und ihre Betriebe (im Erscheinen).

Vorträge

Leicht, René: „Bedeutung und Integrationswirkung von Migrantenselbständigkeit in Deutschland“, Konferenz „Integration durch Selbständigkeit, „Unternehmer ohne Grenzen“, IHK, Hamburg, 26.06.2006.

Leicht, René: „Unternehmerische Leistungen von Migranten und Migrantinnen: Charakteristika der ethnischen Ökonomie in Deutschland und in Mannheim“, Internationales Kultur und Bildungszentrum Mannheim, 04.07.2006.

Leicht, René: „Existenzgründungsverhalten von Migrantinnen und Migranten“, Fachtagung Qnet – Optimierung von Qualifizierungsansätzen für Migrantinnen und Migranten zur Arbeitsplatzsicherung, Bremen, Agentur für Arbeit, 07.09.2006.

Leicht, René: „Wirtschaftliche und soziale Bedeutung der ethnischen Ökonomie in Deutschland“, Kongress „Zuwanderer in der Stadt“, Schader-Stiftung, Deutscher Städtetag und Deutsches Institut für Urbanistik, Nürnberg, 28.09.2006.

Leicht, René: „Griechische Unternehmer in Deutschland“, Deutsch-Griechisches Wirtschaftsforum, Köln, 01.12.2006.

News

Wirtschaftliche und soziale Charakteristika selbständiger Ausländer (15.11.07)
Kerstin Hermes, René Leicht, Ralf Philipp (2007): Wirtschaftliche und soziale Charakteristika selbständiger Ausländer in europäischen Ländern: Neue Heimat - alte Pfade?
5. Nutzerkonferenz "Forschung mit dem Mikrozensus: Analysen zur Sozialstruktur und zum Arbeitsmarkt", Mannheim mehr...
Planen türkischstämmige Gründer und Unternehmer anders? (23.07.07)
René Leicht, Markus Leiß (2007):
Planen türkischstämmige Gründer und Unternehmer anders? Zum Einfluss von "Kultur" und individuellen Ressourcen.
in: Meyer, J.-A.: Planung in kleinen und mittleren Unternehmen - Jahrbuch der KMU-Forschung und -Praxis, Eul-Verlag Lohmar-Köln, S. 469-481
Unternehmerisch aktive Migrant/innen (23.07.07)
René Leicht, Kerstin Hermes (2007): Unternehmerisch aktive Migrant/innen: Selbständig zur Mitte der Gesellschaft. Buchbeitrag in: Diakonisches Werk Hamburg (Hrsg.): Vielfalt gestalten! Handbuch für Multiplikatoren. Berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten

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