Wissen und Bildung: Die Hefe der Unternehmensgründung und Fachkräfteentwicklung


In modernen Gesellschaften avancieren Wissen und Bildung zu den entscheidenden Determinanten beruflicher Selbständigkeit. Sowohl im Gründungsprozess als auch bei der Entwicklung von Unternehmen kommt es entscheidend darauf an, ob und in welchem Maße auf Wissensbestände und kluge Köpfe zugegriffen werden kann. Hochqualifizierte machen sich mit mehr als doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit selbständig wie Menschen ohne beruflichen Abschluss. Aber auch der Erfolg von Gründungen und die Entwicklungspotenziale von Unternehmen werden zunehmend weniger durch materielle Faktoren als vielmehr durch das Wissen der Unternehmensführung und die Qualifikationen der Beschäftigten bestimmt.

 

Das ifm untersucht den Einfluss wissensbezogener Ressourcen in unterschiedlichen Phasen der Unternehmensentwicklung und auf unterschiedlichen Ebenen der Wissensvermittlung. In Bezug auf die Gründungsneigung und -entscheidung interessiert, welche Rolle selbständigkeitsrelevantes Orientierungswissen, formale Bildung und Erfahrungswissen sowohl insgesamt als auch für bestimmte Gruppen (z.B. Frauen, Migranten, Akademiker/innen) spielt. Ferner stellt sich die Frage nach den Strategien mit denen Unternehmen das erforderliche Wissen rekrutieren bzw. ob und in welchem Umfang sie durch Aus- und Weiterbildung in die Unternehmensentwicklung und dabei in ihr Personal investieren.

Der Wunsch, die Entscheidung und letztlich der konkrete Schritt zur Gründung eines Unternehmens hängen (neben anderen Größen) nicht nur vom Grad der formalen Bildung sondern von vielen weiteren wissensbezogenen Faktoren ab. Dazu zählen sowohl grundlegendes Orientierungswissen um die Möglichkeit einer unternehmerischen Tätigkeit als auch das Wissen um die eigenen Leistungspotentiale und die Marktgegebenheiten, bis hin zum Fachwissen und zu den konkreten betriebswirtschaftlichen Kompetenzen, die für die Unternehmensgründung und -führung erforderlich sind. Mit Blick auf das Ziel der Förderung beruflicher Selbständigkeit (und den gruppenspezifisch ungleichen Zugang) stellt sich die Frage, welche Anforderungen sich hieraus für die Schule, die Berufsbildung und die Gründungsberatung ergeben. Das Einflussgeflecht ist allerdings weit komplexer, da selbständigkeitsrelevantes Wissen durch ganz verschiedene Institutionen vermittelt und über mannigfaltige Entscheidungsprozesse erworben wird. Denn neben der Berufs- und Studienfachwahl spielen v.a. die Berufs-, Branchen und Arbeitserfahrung sowie soziales Kapital eine maßgebliche Rolle.

Wie der Zugang zu unternehmerischer Selbständigkeit hängt auch die Unternehmensentwicklung von der Aneignung und Nutzung spezifischer Ressourcen ab. Um im Wettbewerb bestehen zu können bedarf es der kontinuierlichen Verbesserung der betrieblichen Leistungspotentiale, einer höheren Produktivität und daher einer umfassenden Erzeugung und Aneignung von Wissen im weitesten Sinne. Mehr denn je hängt der wirtschaftliche Erfolg der Unternehmen davon ab, inwieweit es gelingt, das Humankapital der Beschäftigten zu nutzen und durch Aus- und Weiterbildung zu optimieren. Die Qualifikation der Mitarbeiter ist ein zentraler Faktor für das Überleben und den Erfolg am Markt. Aber auch diesbezüglich sind die Chancen des Zugangs zu den entscheidenden Wissensressourcen ungleich auf Unternehmen und Beschäftigte verteilt:

Insbesondere mit Blick auf kleinere Unternehmen werden nicht selten Zweifel laut, ob sie den Anforderungen des Strukturwandels durch stärkere Bildungsinvestitionen gerecht werden können. Zum einen werden gezielte Investitionen in Forschung und Entwicklung und für höher qualifiziertes Personal viel eher größeren Unternehmen zugeschrieben. Zum anderen mangelt es vielen kleineren Betrieben auch an strategischer Voraussicht und an Möglichkeiten, geeignetes Personal zu rekrutieren oder das vorhandene Humankapital durch die Weiterbildung der Beschäftigten zu verbessern. In der Tendenz zeigen bisherige Analysen des ifm, dass das Engagement kleinerer Unternehmen bei "klassischen" Formen der Weiterbildung bzw. in der Verfolgung organisierter Weiterbildung noch vergleichsweise gering entwickelt ist, da kleinere Unternehmen i.d.R. kaum über eine formale Personalplanung und vor allem nicht über ausreichend Zeit und Kapazitäten verfügen, um Personalausfälle zu verkraften.

In kleineren Betrieben werden wissensbezogene Investitionen insgesamt stärker im Bereich der Erstausbildung im Dualen Berufsbildungssystem vorgenommen, wobei hier das Handwerk traditionell Vorbildcharakter hat. Gemessen an der Zahl der Beschäftigten bilden kleinere Unternehmen im Vergleich zu den größeren mit weit höherer Intensität aus. Während jedoch über lange Zeit die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen das Angebot übertraf, hat sich bedingt durch die rückläufige Zahl an Schulabgängern und die veränderten Bildungsentscheidungen die Situation am Ausbildungsstellenmarkt grundlegend verändert. Nicht ohne Widersprüche: Obwohl Auszubildende mehr denn je gesucht werden, sinkt die Zahl der Ausbildungsbetriebe. Der Fachkräftebedarf und der gleichzeitige Rückgang an Ausbildungsbewerbern zwingen zu veränderten Strategien bei der Rekrutierung von Jugendlichen. Dies erhöht die Heterogenität in der sozialen Zusammensetzung, soweit die Ausbildungsbetriebe auch solchen Bewerber/innen Chancen einräumen, deren Ausbildungsreife bislang eher angezweifelt wurde.

Hier kommt nun hinzu, dass sich eine zunehmende Heterogenität in der Berufsausbildung nicht nur auf Seiten der Jugendlichen zeigt, sondern auch auf Seiten der Unternehmen, da immer mehr Ausbildungsbetriebe einen Inhaber mit Migrationshintergrund haben. Seit längerem zielen Förderprogramme auf eine Verstärkung der Ausbildungsaktivitäten in Migrantenunternehmen. Über ihre Strategien und ihren Erfolg bei der Rekrutierung von Auszubildenden ist allerdings wenig bekannt. Untersuchungen des ifm zeigen, dass im Verlauf der letzten Jahre das Ausbildungsengagement von Migrantenunternehmen gestiegen ist, aber damit auch die Probleme die mit der Durchführung und Qualität der Ausbildung verbunden sind. Die Ressourcen und Rekrutierungsmöglichkeiten von Migrantenunternehmen sind geringer als die der „einheimischen“ Unternehmen und dennoch kommen sie einer wichtigen gesellschaftspolitischen Aufgabe nach: Nach bisherigen Befunden des ifm weist vieles darauf hin, dass sie aufgrund (und trotz) ihrer schwierigeren Ausgangsbedingungen häufiger „benachteiligte“ Jugendliche ausbilden.

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